Die Luft wird dünn

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Wie bereits mehrfach geschrieben, geht die Energiewende in Darmstadt nur langsam voran. Im Verlauf der Stadtverordnetenversammlung am 19.05. hatte ich das Gefühl, dass die existentiellen Auswirkungen der Klimakrise den meisten Anwesenden nicht bekannt sind – was vor allem bei der größten Fraktion, Bündnis 90/Die Grünen, bemerkenswert war. Das kann ein Grund dafür sein.

Deswegen habe ich eine ungeplante Rede zu einem Antrag der Linken „Genossenschaftliche Energiewende“ gehalten:

Sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher,
Liebe Kolleg*innen der demokratischen Fraktionen,

Sie kennen das mit Sicherheit, nicht nur im politischen Diskurs kriegt man manchmal Kopfschmerzen. Kopfschmerzen kriegt man auch, wenn die Luft dünn wird und man mal lüften muss.

International gibt es die Empfehlung, bei einem Wert von knapp über 1.000 so genannten PPM (parts per million) des Treibhausgases CO2 in Innenräumen zu lüften, weil sonst besagte Kopfschmerzen kommen und die Leistungsfähigkeit von Menschen nachlässt.

Und während wir im Jahr 1911 noch einen Wert von 300ppm CO2 in der Luft hatten, waren es 2016 schon 400ppm, heute 422ppm.
Getrieben ist dies durch ein exponentielles Wachstum – aufgrund von Corona wissen wir, dass das heißt, dass der Wert immer schneller und schneller nach oben gehen wird. Der Grund: bisher emittieren wir – bis ins Jahr 2022 – jedes Jahr mehr CO2 in die Luft als das Jahr davor. Trotz 200 Jahre Erkenntnisse über die Klimakrise, trotz Club of Rome, Kyoto und Paris stoßen wir nach wie vor jedes Jahr mehr CO2 in die Luft aus.

Und wenn wir so weiter machen wie bisher, dann liegen wir im Jahr 2100 bei 1.000ppm CO2 in der Atmosphäre. In der Luft draußen. Dann können wir, wenn wir Kopfschmerzen haben, nicht mehr lüften. Oder zumindest sorgt es nicht dafür, das frische Luft reinkommt. Sondern dreckige Luft – Luft, die wir als Weltgemeinschaft dreckig gemacht haben.

Aber was hat das mit diesem Antrag zu tun? 93% aller Treibhausgase in der Luft, in der Atmosphäre, entstehen durch die Verbrennung Kohle, Öl & Gas. 40% nur für die Kohle.
Wir alle wollen deswegen möglichst schnell aus der Kohle aussteigen. Aber das passiert nicht von alleine.

Wasserkraft, Wind und Solar wird vor allem kommunal „geerntet“. Jede Kommune ist gefragt, massiv in die Erneuerbaren zu investieren.

Als Antwort auf eine meiner Pressemitteilungen hat der Oberbürgermeister im Februar gesagt, bis zum Jahr 2025 mit „Nachdruck“ acht weitere Solaranlagen umsetzen zu wollen. Das sind zwei pro Jahr. Bei hunderten Dächern, die die Stadt besitzt, brauchen wir viele, viele Jahre, um bei allen geeigneten Dächern Solar zu installieren.

Die Bauverein AG – nach eigenen Angaben Süd-Hessens größter Immobiliendienstleister – hat nur unwesentlich mehr installierte Solar-Leistung als die hier ansässige Energiegenossenschaft Darmstadt – ein Club ehrenamtlicher Energiewende-Aktivisti. 

Windkraftanlagen sind in Darmstadt nicht möglich, für Wasserkraft fehlt mir die Fantasie. Wir haben also nur die Solarkraft, wenn wir unseren Teil zur Energiewende beitragen wollen. Hier geht es zu langsam voran – die Beteiligung der Bürger*innen ist dabei eine gute Chance, mehr Geschwindigkeit auf die Straße zu kriegen.

Eine Energiewende, die wir aus Sicht der Wissenschaft brauchen, wenn wir auch nach dem Jahr 2100 noch frische Luft atmen wollen. Zudem wird auf EU Ebene gerade diskutiert – Stichwort „REPower EU“ – dass europaweit alle geeigneten öffentlichen Gebäude, die mehr als 250qm Grundfläche haben, bis Ende 2027 verpflichtend mit Solar bestückt werden müssen. 

Ob wir also frische Luft zum atmen haben wollen, oder die hoffentlich zukünftigen Ziele der EU erfüllen wollen: es ist wichtig und richtig, Energiegenossenschaften mit ins Boot zu holen, um die die Arbeit der Energiewende in Darmstadt auf viele Schultern zu verteilen.
Danke.

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